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Bajass

Roman

Originalveröffentlichung
geb. mit Schutzumschlag,
128 Seiten

Erschienen August 2014

 

Buch 19,90  / eBook 14,99 

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Ein Roman über die Kunst, die richtige Gelegenheit zu ergreifen, in einer Zeit des Umbruchs um 1900.

Schweiz, zu Beginn des 20. Jahrhunderts: In jahrhundertelang kaum veränderte bäuerliche Traditionen dringt langsam, aber unaufhaltsam die Moderne ein. Eisenbahnlinien, Telegrafenmasten, Verheißungen von Freiheit. Die alte, demütige Gesellschaft
scheint sich nur noch wie Aprilschnee in schattigen Talsenken zu halten – doch der kann hartnäckig sein.

In kunstvoller Sprache und stimmungsvollen Bildern, die Erwartungen des Lesers immer wieder überraschend, erzählt Flavio Steimann von Albin Gauch. Gauch ist Ermittler bei der Polizeibehörde in einer kleinen Stadt und steht kurz vor dem Ruhestand. Die Angst vor einem tauben Bein plagt ihn, und er zweifelt zunehmend am Sinn seines Tuns. Da wird ein altes, kinderloses Bauernpaar im Wald erschlagen aufgefunden, das Bauernhaus ist durchwühlt, der schwachsinnige Knecht als Zeuge nicht zu gebrauchen, das Dorf weiß von nichts oder schweigt. Nur mithilfe eines Fotos, eines Mantelknopfs und eines gipsernen Schuhabdrucks stellt Gauch dem Mörder nach, unerwartet weit über die Grenzen des heimatlichen Tals hinaus, auf einem Auswandererschiff, das Kurs auf New York genommen hat.

Flavio Steimann streift mit seiner Geschichte eines Namenlosen, den der Hunger aus der Heimat und alsdann um die halbe Welt  treibt, auch die dunklen Seiten der Schweizer Vergangenheit: Armut, Verdingkinder, Rückständigkeit.

Autor

Flavio Steimann © privat

Flavio Steimann © privat

Flavio Steimann, Jahrgang 1945, ist seit 1966 literarisch und als Theatermacher tätig und veröffentlichte Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten und Theaterstücke. Er wurde ausgezeichnet mit dem Förderpreis von Stadt und Kanton Luzern, mit dem Schweizerischen Schillerpreis und mit dem Förderpreis der Marianne und Curt-Dienemann-Stiftung Luzern. Zuletzt erschien die Erzählung Aperwind (Benziger, Zürich 1987).

Pressestimmen

»Seine Prosa ist schlackenlos, welthaltig, dringlich, von elementarer Wucht und zugleich von sublimer Musikalität. (…) Welch eine Anschaulichkeit, Präzision und Dichte! In Steimanns Erzählen gibt es nichts Achtloses. Jedes Wort steht an einem austarierten Ort. Gleichwohl wirken die Sätze nicht geschraubt oder gedrechselt. Sie atmen und klingen.
(…) Flavio Steimann steht als Solitär in der stark zersiedelten Landschaft der Schweizer Literatur unserer Tage. Wir wünschen ihm viele tausend unerschrockene Leser.«
Manfred Papst, NZZ am Sonntag 

»Mit hoher stilistischer Kunstfertigkeit und sprachlich elaborierter Prägnanz reisst Steimann das Trennende zwischen Text und Leser nieder. Eine Zeitreise voll akribischer, suggestiver Sprachbilder! Sogartig und eindringlich!«
Hanspeter Müller-Drossaart, Schweizer Schauspieler und Vorleser im Schweizer Literaturclub

»In einer eigenwilligen, präzisen Sprache fasst Steimann das Atmosphärische der Luzerner Region. Die diametral entgegengesetzte Ortsangebundenheit der ansässigen Bevölkerung und der Auswanderungswillen der Emigranten werden in starken Bildern festgehalten. Der Geist der Region Sursee zur Jahrhundertwende, in ›Bajass‹ ist er hautnah spür- und erfahrbar.«
041 – Kulturmagazin 

Leseprobe

»Niemand wusste, dass Gauch, wenn er des Abends allein in der dunklen Küche saß und beim Essen das Knacken seines Kiefers hörte, über die List und die Lust und die Last im Leben eines Menschenjägers sinnierte.«

Der Barytabzug zeigte einen ernst dreinblickenden Kindmann von zwölf, vielleicht dreizehn Jahren in einem gerippten, aus grob gewebtem Tuch geschneiderten Anzug, aus dem er auf so schmerzhaft lächerliche Weise herausgewachsen war, dass die knittrigen und ausgebeulten Ärmel und Hosenbeine fast zwei Handbreit vor den Gelenken endeten und ihm, schlaksig und dünnbeinig wie er war, zusammen mit dem weichen Gesicht etwas von einem Fohlen gaben. Der flache Filzhut, die Uhrkette an der winzigen Weste und die viel zu großen, spiegelnd glänzenden und über die Knöchel reichenden Schnürbottinen waren, darüber konnte kein Zweifel bestehen, von Erwachsenen zur Ausstaffierung beigesteuert worden.

Der unfrohe, der Linse entflohene und nach Hilfe suchende Blick des Knaben, dem ein drapiertes Mäschchen wie ein großes Insekt unter dem Kinn am Hemd steckte, die in die ärmlich rurale Welt hineingehängte groteske Illusion einer gepinselten Noblesse zeigten diesen jungen Menschen als leichte Beute in einem üblen Spiel, das er so nicht hatte spielen wollen – überlistet und nun in seiner Drangsal gefangen wie der Vogel auf dem Leim.

In der angestrengten Sütterlinschrift eines wenig geübten Erwachsenen war auf die Rückseite mit einem harten Bleistift ein einziges Wort geschrieben. Bajass.

Für die, die noch ein wenig mehr lesen möchten:

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Leseprobe

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